Probleme der sexuellen Funktion

Normal oder krank?

Sexuelle Funktionen wie Erektion, Orgasmus, Samenerguss, „feucht“ werden, sexuelles Verlangen und Begierde sind beim Menschen störanfällig. Die Funktionen werden durch die selbstregulierenden Organe, sowie Nerven und Hormone gesteuert. Alle Ebenen sind fehleranfällig.

Beispielsweise der Penis: Aus biologischer Sicht dient der Penis zur Übertragung der Spermien in den weiblichen Geschlechtstrakt (und der Ausscheidung des Harns). Für den Sex muss er steif genug sein, um einen Sexualverkehr ausführen zu können. Die Erektion entsteht durch die Füllung der drei Schwellkörper mit Blut und die Verhinderung des Abflusses von Blut. Nun können Zufluss und Abfluss durch Arterienverkalkung von zuführenden und abführenden Blutgefässen eingeschränkt werden. Dadurch wird der Penis nicht genügend oder genügend lange steif. Nun kann aber auch eine Nervenschädigung vorliegen, sie bei der Multiple Sklerose oder Zuckerkrankheit. Es kann aber auch nur die Funktion der Nerven gestört sein, wo die Ursache meist beim Hirn liegt. Hormonmangel (Testosteron) beeinflusst die Erektion ebenfalls. Der wichtigste und häufigste Einfluss dürfte durch das Hirn erfolgen. So bezeichnete Woody Alen denn auch nicht ganz falsch „ das Hirn als grösstes Sexualorgan“. Jeder Mann hat schon einmal eine Erektionsstörung erlebt, typischerweise am Anfang einer Beziehung, unter Müdigkeit, Stress, Paarschwierigkeiten usw. Demnach sind Erektionsstörungen häufig und völlig normal.

In der medizinischen Diagnostik wird bis heute Erektionsstörungen, aber auch vorzeitiger oder verzögerte Samenerguss als etwas Krankhaftes oder Gestörtes beurteilt. Diese Einteilung wurde in den letzten Jahren aus sexualmedizinischer Sicht kritisiert. Die Diagnostik beinhaltet etwas Abwertendes und kann diskriminierend empfunden werden. Männer fühlen sich durch eine Funktionsstörung des Penis in Ihrem Selbst als Mann verurteilt und empfinden ein vermindertes Selbstwertgefühl. Für manche Männer ist es die grösste Schande, die sie sich vorstellen können und waren bereit vom Zauberer irgendwelche unsinnige Medizin zu schlucken, nur für etwas Hoffnung, dass sie ihre Potenz wieder bekommen. Allerdings möchte der Betroffene Hilfe und ist froh, wenn Ärzte sein Problem ernst nehmen. Wie willkürlich die medizinische Diagnostik ist, zeigt sich deutlich am zu schnellen Samenerguss. Es wird diskutiert, ob 15 oder 30 Sekunden intravaginal Zeit noch normal ist. In der Praxis schaut ja keine Mensch während der Sexualität auf die Uhr. Ausserdem geht die Beurteilung meist über die Partnerin, die es für ihr Gefühl richtig, zu lang oder zu kurz findet.

Was sind sexuelle Funktionsstörungen?

Das Diagnose Manual der WHO definiert eine sexuelle Dysfunktion oder sexuelle Funktionsstörung (funktionelle Sexualstörung) wenn die persönlichen Ansprüche an eine erfüllte Sexualität nicht erreichbar sind und die Person darunter leidet. Diese Definition berücksichtigt neben der Störung der Sexualreaktion (körperliche Reaktion) auch subjektives Erleben sowie gesellschaftliche und kulturelle Vorstellungen von Sexualität.

Man unterscheidet zum einen zwischen primären (lebenslang bestehenden) und sekundären (erworbenen), zum anderen zwischen generalisierten (stets vorhanden) und situativen (nur in bestimmten Situationen auftretenden) sexuellen Dysfunktionen.

März 2019/Ap

Was sind die Ursachen der sexuellen Funktionsstörung?

Sexuelle Funktionsstörungen können eine rein psychische, rein körperliche Ursache haben oder durch sowohl psychische als auch physische Probleme bedingt sein. Letzteres ist insbesondere bei älteren Menschen der Fall.

Bei Frauen und Männern sind psychologische Probleme sehr häufig die Ursache für sexuelle Dysfunktionen: Versagensängste, negative frühere Erfahrungen, Enttäuschung durch den Partner oder Frustration innerhalb der Beziehung, Depressionen oder Ängste und Stress in der Beziehung, Zeitmangel des Paares oder mangelnde Energie durch die Beschäftigung mit Kindern oder Beruf. Zusammenfassend gehen Sexualmediziner von einem multifaktoriellen Geschehen aus und brauch davor den Begriff Psychosomatik. wird

Bei den körperlichen Ursachen von sexueller Dysfunktion des Mannes und der Frau muss an folgende Probleme gedacht werden: Hormonelle Störungen, Medikamente, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, neurologische Erkrankung oder Gefässerkrankungen.

Viele Männer sind besorgt wegen ihrer Erektionsstörung und sind in einem Teufelskreis von Versagensangst, Nervosität und unbefriedigendem Geschlechtsverkehr. Oft geht es soweit, dass sexuellen Aktivitäten ausgewichen wird.

Unterschiede von Mann und Frau

Es gibt kaum zwei Menschen, die sexuell gleich funktionieren und die gleichen Bedürfnisse haben. Die Unterschiede innerhalb der Männer und innerhalb der Frauen können ebenso gross sein, wie zwischen Männern und Frauen. Und doch gibt es die Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Männer

Männer sind im Bereich Sexualität visueller als Frauen, so werden sie deutlich häufiger pornosüchtig. Gerade jungen Männern ist die Sexualität häufig wichtiger als bei Frauen. Im Schnitt werden gerade junge Männer schneller erregt. Für Männer ist Sexualität eine wichtige Bestätigung ihres Selbstwertes. Die Sexualfunktionen des Mannes sind störungsanfälliger als jene der Frau. Die Folgen der Probleme mit der sexuellen Erregung und dem Orgasmus sind offensichtlich und für beide Partner klar erkennbar: Eine Erektionsstörung ist nicht zu übersehen und verunmöglicht den Geschlechtsverkehr. Zu schneller Samenerguss wird für beide unmittelbar deutlich und der Geschlechtsverkehr ist auf einige Sekunden beschränkt oder sogar unmöglich. Die Angst vor Versagen, vor einer Blamage und vor dem Verlust der sexuellen Attraktivität ist naheliegend. Vermeidung von Sexualität, Beziehungsschwierigkeiten und eine chronische Störung sind häufige Folgen. Diese Versagensgefühle treffen meist die ganze Person, oft mit der Folge eines verminderten Selbstwertgefühls.

Frauen

Bei der Frau dauern die vier Phasen der sexuellen Erregung in der Regel länger, sodass sie häufig später zum Höhepunkt kommt als der Partner. Die Hälfte der Frauen kommt sogar nur selten oder gar nicht zum Orgasmus. Oft fühlen sich Frauen dadurch benachteiligt, was von starken negativen Gefühlen begleitet sein kann – gerade bei Frauen, die sich gegenüber Männern schon benachteiligt fühlen. Manche Frauen jedoch können mehrere Orgasmen kurz hintereinander haben. Für eine glückliche, erfüllte Sexualität muss diesem Fakt Rechnung getragen werden.

Gelebte Sexualität ist immer ein Kompromiss der Bedürfnisse

Offensichtlich gibt es die Unterschiede zwischen Frau und Mann bei der Funktion der Hormone, des Hirns, bei der Emotionalität und schliesslich auch bei den Sexualorganen. Das bedeutet nichts anderes, als dass eine für beide Partner erfüllte Sexualität immer Kompromisse braucht. Partner kommen nicht darum herum zu verstehen, was typisch Mann und was typisch Frau ist. Das ist für eine Partnerschaft sowohl Schwierigkeit als auch Chance. Unterschiede haben immer das Potenzial zur Weiterentwicklung. Das sollten Paare berücksichtigen. Es lohnt sich für ein Paar, Unterschiede im Erleben und in den Vorstellungen zu diskutieren und bei ihrem Liebesleben zu berücksichtigen. Missverständnisse und vielleicht Missstimmungen und Streit sind sonst programmiert.

März 2019/Ap

Behandlung von sexuellen Funktionsstörungen

Als erstes muss eine gründliche Sexualanamnese erfolgen und eine korrekte Diagnose gestellt werden, insbesondere körperliche Ursachen müssen ausgeschlossen werden. In den meisten Fällen bestehen gute Chancen, die psychischen sexuellen Funktionsstörungen durch Psychotherapie (als Paar oder Einzeln) zu verbessern oder zu heilen.

Zusätzlich stehen bei den Erektionsstörungen wirksame Medikamente, die sogenannten PDE-5-Hemmer wie Viagra®, zur  Verfügung. Bei dem frühzeitigen Samenerguss kann auch ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) wie Dapoxetine (Priligy®) oder ein Antidepressivum (SSRI) unterstützend helfen.

Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen (Libidostörungen)

Der Verlust des sexuellen Verlangens ist das Grundproblem und beruht nicht auf anderen sexuellen Problemen. Mangel an sexuellem Verlangen schliesst sexuelle Befriedigung oder Erregung nicht aus, sondern bedeutet, dass sexuelle Aktivitäten seltener initiiert werden.

Sexuelle Aversion

Vorstellung von Sexualverkehr ist mit stark negativen Gefühlen verbunden und erzeugt so viel Furcht oder Angst, dass sexuelle Handlungen vermieden werden.

Mangelnde sexuelle Befriedigung

Sexuelle Reaktionen verlaufen normal, aber der Orgasmus wird ohne entsprechendes Lustgefühl erlebt. Frauen klagen mehr darüber als Männer.

Versagen genitaler Reaktionen

Bei Männern: Erektionsstörungen. Hauptproblem ist die Schwierigkeit, für einen Geschlechtsverkehr die notwendige Erektion zu erlangen oder aufrechtzuerhalten. Wenn die Erektion in bestimmten Situationen normal auftritt, z.B. bei der Masturbation, im Schlaf oder mit einem anderen Partner, dann ist die Ursache psychogen.

Bei Frauen: Mangel oder Ausfall an Scheidenflüssigkeit (Lubrikation). Dies kann psychisch bedingt oder infolge einer örtlichen Erkrankung (z.B. Infektion) oder eines Östrogenmangels (Postmenopause) sein. Frauen klagen selten über einen primärem Mangel an Lubrikation, ausser in der Menopause.

Orgasmusstörungen

Der Orgasmus tritt nicht oder verzögert ein. Ursache ist häufig psychogen oder kann körperlich sein, wobei körperliche Ursachen schwierig auszuschliessen sind. Positive Wirkung einer Psychotherapie möglich. Orgasmusstörungen sind bei Frauen häufiger als bei Männern.

Vorzeitiger Samenerguss oder Ejaculatio praecox

Es handelt sich dabei um die Unfähigkeit, die Ejakulation ausreichend u kontrollieren, so dass der Geschlechtsverkehr für bei Partner  unbefriedigend sein kann.

Dysparaeunie

Dysparaeunie bedeutet Schmerzen während des Sexualverkehrs, der sowohl bei Männern als auch bei Frauen auftritt. Bei körperlichen Ursachen, wie Infektionen oder anderen örtlichem Geschehen sollte die Diagnose anders klassifiziert werden.

Vaginismus

Es handelt sich dabei um eine Verkrampfung (Spasmus) der die Vagina umgebende Beckenbodenmuskulatur, bei der der Eingang zur Vagina verschlossen wird. Das Eindringen des Penis ist unmöglich oder schmerzhaft.  Wenn der Vaginismus eine Reaktion auf örtliche Schmerzen ist, sollte diese Diagnose nicht verwendet werden.

Gesteigertes sexuelles Verlangen

Hypersexualität, «Sexsucht», auch Nymphomanie bei der Frau und «Donjuanismus» beim Manne.
Männer und Frauen (meist jüngere) klagen über ein gesteigertes sexuelles Verlangen als eigenständiges Problem. Allerdings ist einzuschränken, dass nur solche Personen als pathologisch eingestuft werden, deren sexuelle Phantasien und Verhaltensweisen so viel Raum einnehmen, dass sie für sonstige, nichtsexuelle Aktivitäten und Pflichten kaum noch Zeit finden; entscheidend ist der mit dem übersteigerten sexuellen Verlangen verbundene Leidensdruck.