Was ist Sexualität?

Guter Sex bringt den meisten Menschen Freude und ist wichtiger Teil einer Partnerschaft. Trotzdem beinhalten Liebe und Sex einige Risiken: Aids und andere sexuell übertragbare Infektionen (STI), unerwünschte Schwangerschaft oder Partnerschaftsprobleme, unerfüllter Kinderwunsch, Spontanabort und Liebeskummer. Trotzdem ist es absurd, vorzuschlagen, Sex für immer zu vermeiden. Sexualität gehört zur menschlichen Natur.

Die Definitionen von sexueller Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die bekannteste und einflussreichste und wurde seit 1975 immer wieder angepasst. Die WHO hebt hervor, dass Sexualität ein zentraler Bestandteil des Menschseins ist, der sich nicht auf eine Altersgruppe beschränkt, der die Geschlechterfrage und die verschiedenen sexuellen Orientierungen berücksichtigt. Sie stellt klar, dass Sexualität weit über die Fortpflanzung und das Sexualverhalten im engeren Sinne hinausgeht.

«Die menschliche Sexualität ist ein natürlicher Teil der menschlichen Entwicklung in jeder Lebensphase und umfasst physische, psychische und soziale Komponenten …» (WHO)

Sexualität lernen

Kein Tier kann sich so stark an seine Umwelt anpassen wie der Mensch. Seine Lernfähigkeit zeichnet ihn aus und führt dazu, dass er die Natur weitgehend beherrscht. Ohne Lernprozesse können wir uns die meisten unserer Fähigkeiten nicht aneignen, nicht die Sprache, nicht das Zusammenleben, ja nicht einmal unsere Ernährung. Lernen gilt auch für Sexualität, Liebe und Partnerschaft: Wird das Sexualverhalten der Tiere von Trieben und Hormonen gesteuert, so ist beim Mensch das Sexualverhalten in wesentlichen Teilen das Ergebnis von Lernprozessen.

Die Frage nach dem Anteil von Umwelt und Vererbung in der Entwicklung des Sexualverhaltens ist zwar noch nicht letztlich geklärt. Die aktuelle Forschung geht aber davon aus, dass lediglich das Temperament eines Menschen genetisch festgelegt ist, was wiederum die Entwicklung der Persönlichkeit beeinflusst. Biologische Voraussetzungen sind funktionierende Sexualorgane und Hormone. Ansonsten werden das Erleben, die Bedürfnisse, die Phantasien und das Verhalten auch in der Sexualität grösstenteils erlernt.

Die Sexualität wird im Laufe eines Lebens wesentlich durch die Persönlichkeit und die sexuellen Erlebnisse ausdifferenziert. Deshalb sind auch das sexuelle Erleben, die sexuellen Phantasien und das Sexualverhalten individuell. Manche Menschen wünschen sich einen gleichwertigen Partner, andere einen unterwürfigen und sanften, wieder andere einen dominanten und überlegenen. Diese Ausprägung bestimmt die sexuellen Wünsche und Bedürfnisse. Sadomasochistisches Sexualverhalten wird durch die Persönlichkeit geprägt. In diesem Sinne ist es kein Zufall, wer bei der Sexualität gedemütigt werden will und Leder, Fesseln und Schmerzen liebt oder wer herrschsüchtig ist und dominantes Verhalten bevorzugt.

Sprechen über sexuelle Gesundheit

Sexuell übertragbare Infektionen (STI) – ein Tabu

Sprechen über Sex im Allgemeinen fällt heutzutage meist nicht schwer – aber über den eigenen Sex sprechen meist schon! Und über sexuell übertragbare Infektionen (STI) spricht kaum einer, über eine eigene sexuell übertragbare Infektion schon gar nicht! Oder kennen Sie jemanden, der Ihnen von seiner sexuell übertragbaren Infektion erzählte?

Eigenartig, dass kaum ein Paar am Anfang oder auch später über STI spricht. Einige sprechen vor dem ersten Sex noch indirekt darüber: «Bei mir immer mit (mit Kondom)». Dabei denkt man in der Regel nur an HIV/Aids – die anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) werden vergessen oder sind schon gar nicht bekannt.

Den STI-Status kennen bedeutet, zu wissen ob eine Infektion mit einer STI vorliegt. Das bedeutet in der Regel mit einen Bluttest eine Infektion auszuschliessen oder herauszufinden. Am Bekanntesten ist der HIV-Test, mit dem ein HIV-Status bestimmt wird.  Das Wissen um den STI-Status von sich und dem Partner ist entscheidend, um eine STI-Übertragung zu verhindern, denn viele sexuell übertragbare Infektionen (STI) kann man mit Medikamenten behandeln oder sich dagegen impfen. Deshalb ist ein Gespräch mit dem Partner über Sexualität, die sexuelle Vergangenheit und den STI-Status sinnvoll und notwendig?

Das Coming out hilft

«Ich heisse André Ratti, ich bin 50, homosexuell, und ich habe Aids.»

Mit dieser Aussage schockierte André Ratti, ein bekannter Schweizer Fernsehjournalist, am 2. Juli 1985 die Öffentlichkeit. Mit seinem doppelten Comingout lehrte er die Menschen, dass es möglich ist, offen mit der damals noch wenig bekannten HIV-Infektion umzugehen. Er erfuhr dadurch viel Bewunderung und Anerkennung. Ein Jahr später starb er an Aids.

Seither sind mehr als 25 Jahre ins Land gegangen, aber über sexuell übertragbare Infektionen (STI) zu sprechen ist immer noch keine Selbstverständlichkeit.

… Ein Paradoxon: Wo man geht und steht ist Sex ein Thema, aber nicht STI, obwohl etwa ein Drittel der Bevölkerung einmal im Leben mit einer sexuell übertragbaren Infektion angesteckt wird. In den beliebten und etwas voyeuristischen Gesundheitssendungen werden Betroffene mit Brustkrebs, Inkontinenzproblemen oder Alzheimer interviewt und nackte Brüste von Frauen vor, während und nach der Operation von allen Seiten gefilmt. Haben Sie schon einmal Herpesbläschen oder Genitalwarzen an Schamlippen, am Anus oder am Penis im Fernsehen gesehen? STI ist offensichtlich ein Tabu-Thema! Auch Aids ist 25 Jahre nach Andre Rattis Tod in den Medien kein Thema mehr. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Sie noch von keinem Sexualpartner auf STI angesprochen wurden. Nachvollziehbar ist es auch, wenn ein Mensch mit einer Infektion sich dem Partner nicht outet. Gerade weil es so gut wie niemand tut, kann es Ihnen passieren, dass Sie Ihren Sexualpartner mit Fragen nach STI schockieren.

Meist sieht und riecht man STI nicht, und trotzdem können sie Ihr Leben von einem Tag auf den anderen schwerwiegend verändern können. Auch wenn viele nichts von ihrer Chlamydien-Infektion spüren, kann sie bei Frauen doch zu Unfruchtbarkeit führen. Symptome von Herpes oder Genitalwarzen sind zwar nicht lebensbedrohlich, aber manchmal sehr lästig und können Sex verunmöglichen. Es muss nicht Aids sein, auch Hepatitis B oder C können zu lebensbedrohlichen Infektionen werden.

Wenn Sie sich diese Fakten vor Augen führen, können Sie mutiger werden und so ein Gespräch etwas leichter beginnen. Befassen Sie sich mit dieser Problematik, und denken Sie daran, dass die sexuell übertragbaren Infektionen in den letzten Jahren stark zugenommen haben.»
Kurt April: Das Gespräch über Sex – und über Infektionsrisiken, Verlag Hans Huber Bern 2012

Sex planen mit einem neuen Partner?

Manche Vorurteile sind gang und gäbe: Sex planen oder über sexuelle Infektionen und Verhütung sprechen sei unromantisch und kopflastig, man könne «sich nicht gehen lassen» und dem Partner hingeben. Aber warum eigentlich? Wenn jemand Hunger oder Durst hat, plant er das Essen in der Regel ja auch, gerade um es mehr geniessen zu können. Bei Paaren bei denen die ersten sexuellen Erlebnisse einfach passieren, spontan – ohne Planung, klappt häufig weder eine Prävention der sexuell übertragbaren Infektionen noch einer Schwangerschaftsverhütung. Noch schlechter sind die Vorsichtsmassnahmen wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind. Klar, unter Drogen oder Alkohol fallen Hemmungen häufig weg und Risiken können besser verdrängt werden. Nicht selten kommt am nächsten Morgen das böse Erwachen mit Angst vor einer Schwangerschaft oder HIV.

Und ohne Alkohol und Drogen können sich manche gerade nicht «gehen lassen», weil eine begründete Angst sich im Hinterkopf doch bemerkbar macht. Es lohnt sich die Hemmungen vor einem Gespräch über STI und Schwangerschaftsverhütung zu überwinden – Ihrer Gesundheit zu lieben und für guten Sex.